Füllen Sie das Papier mit dem Atem Ihres Herzens.
William Wordsworth

Nach jahrzehntelangem Schreiben von mittelmäßigen Kurzgeschichten und Romanen hatte ich meine ganz persönliche Epiphanie, als ich das erste Mal ein Lehrbuch zu Creative Writing las, nämlich Gotham Writers’ Workshop: Hier fand ich endlich Tipps, wie ich meine Texte verbessern konnte, und sie waren konkret, praktikabel und vermittelbar.

Ein Jahr später habe ich an einem Workshop  in New York teilgenommen: Menschen aus ganz Amerika waren für sechs Stunden in einem renovierungsbedürftigen Klassenzimmer um die Ecke vom Central Park zusammen gekommen, manche jung, manche alt, eine blind, einer frisch verwitwet, mit Lebensläufen im Gepäck, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Und doch waren alle verbunden durch ihre Liebe zum Lesen und zum Schreiben.

Unsere Dozentin, eine Schriftstellerin mit langer Erfahrung und Liste an Veröffentlichungen, gab uns Ratschläge und inspirierte uns, versorgte uns mit Werkzeugen und Trostpflastern, schrieb mit uns, lachte mit uns, staunte mit uns. Wir selbst konnten kaum glauben, was wir in manchmal nur wenigen Minuten aufs Papier brachten.

Die Magie, die ich damals spürte, das gemeinsame Lernen und Schreiben, die andächtige Stille, wenn einer von uns vorlas, die Texte voller Liebe und Wut und Trauer, das Gefühl, einer stetig wachsenden, unsterblichen Gemeinschaft anzugehören, das alles begleitet mich noch heute, wenn ich an meinem Schreibtisch sitze.

Ich glaube, dass das Schreiben jedem helfen kann, mit dem Chaos seines eigenen Lebens und der Welt besser klar zu kommen. Es heilt nicht den Ehemann, der an Krebs sterben wird, die Tochter wird dadurch nicht von ihrer Kokainsucht befreit, es stopft nicht dem Nachbarn aus dem Erdgeschoss das Maul, es lässt den Chef nicht gegen den nächsten Baum fahren, aber es hilft einem dabei, einen Schritt zur Seite zu treten. Vielleicht sogar kurz über den ganzen Mist zu lachen, bevor man wieder mittendrin steckt. Oder einmal zwischendurch Luft zu holen.

Das Schreiben hilft dabei, mit dem Leben besser klar zu kommen, wenn man es schon nicht ändern kann.

„Manchmal braucht eine Person eine Geschichte dringender als Nahrung, um am Leben zu bleiben“, so der amerikanische Schriftsteller Barry Lopez. Vielleicht ist es gerade ihre Geschichte, die einen Menschen dazu bringt, trotz allem doch nicht aufzugeben.