Wer die Nachtigall stört von Harper Lee ist nicht fesselnd, weil ein Anwalt einen unschuldigen Sklaven verteidigt und doch nicht davor retten kann, vom wütenden Mob ermordet zu werden, sondern weil ein kleines Mädchen, das Probleme damit hat, erwachsen zu werden, alles miterlebt und sich infolgedessen mit ihrer eigenen Identität auseinandersetzt. Die Ereignisse einer Geschichte allein reichen nicht aus, sie müssen von der richtigen Person erlebt und erzählt werden, und nur das macht sie spannend. Der Leser muss einen Bezug zu den Menschen aufbauen können, die in die Ereignisse verwickelt sind.  

Wenn  Sie kein klares Bild Ihrer Charaktere vor Augen haben, wie soll es dann der Leser tun? Mit hilft es manchmal, wenn ich mir ein Foto aus dem Internet heraussuche. Ich  kopiere es in meine Notizen und gehe noch einmal alles durch. Passt die Erzählerstimme noch? Passt seine Gestik, seine Mimik? Passt das, was er sagt und zu wem? Sparen Sie keine Zeit und Mühe: ein guter Protagonist kann Jahrzehnte in Erinnerung bleiben. Lassen Sie Ihre Geschichte ein paar Tage ruhen und verbringen Sie die Zeit mit Ihrem Protagonisten. Schauen Sie genau hin: Sie wollen ins tiefste Innere. Und wenn Sie nicht weiterkommen, schauen Sie bei sich selbst nach. Gehen Sie dorthin, wo es richtig wehtut.

Hier noch ein paar weiterführende Fragen:

In welcher Situation befindet sich Ihr Protagonist? Am besten ist es eine, die nicht stabil, aber statisch ist, eine, mit der er nicht zufrieden ist, an die er sich aber gewöhnt hat und vielleicht nicht mehr den Mut oder die Kraft aufbringt, sie zu ändern. Wir erinnern uns: Das ausschlaggebende Ereignis bringt die Ordnung durcheinander und der Protagonist macht sich daran, sie wieder herzustellen.

Was wünscht sich Ihr Protagonist (besser noch: Was wollen alle Charaktere? Dazu komme ich noch, aber schon einmal vorweg: Je komplexer und unterschiedlicher Sie Ihre Charaktere gestalten, umso spannender; also: geben Sie jedem einen Wunsch und sorgen Sie dafür, dass es nicht die gleichen sind.)

Warum wünscht er sich das? Was motiviert ihn dazu?

Was ist sein Problem? Nicht eins, dass mit seiner Situation zusammenhängt, sondern dass er mitbringt, sein ureigenes Dilemma? (Bsp: Holden Caulfield fällt überall negativ auf, er kann sich nicht unterordnen etc.)

Was steht zwischen dem Protagonisten und seinem Wunsch?

Was passiert, damit aus der statischen Situation eine dynamische wird?

Inwiefern verändert das ausschlaggebende Ereignis die Situation? Welche neuen Hindernisse tauchen damit auf, die der Protagonist überwinden muss?

Sind diese Hindernisse groß und beängstigend für den Protagonisten? (Sonst sind es keine und er darf vor allem nicht drum herumgehen können.)

Gibt es immer mehr Komplikationen, die die Krise schon andeuten?

Befindet sich der Protagonist in einem echten Dilemma?

Inwiefern macht Ihr Protagonist eine entscheidende Veränderung durch?

Liegt es einerseits an den Geschehnissen und andererseits daran, dass er seine Sicht ändert?

Bekommt Ihr Charakter, was er sich wünscht? Das sollte er nicht, wenn Sie die Wirkung Ihrer Geschichte verstärken wollen.